Am 1. Mai in Makedonien

Lieber Bruder,

heute ist der erste Mai und während ich durch die ruhigen Strassen von Skopje gehe, ist wohl ganz Berlin auf den Beinen…
Ja, ich bin schon in der Hauptstadt Makedoniens angekommen! Die letzten zwei Wochen sind sehr schnell vergangen und Albanien liegt schon ein ganzes Stück hinter mir; dennoch will ich Euch ein wenig davon berichten:
Nach den ersten 2 Tagen in der lauten Hauptstadt Tirana war ich bis Ostersonntag in Burrel, einer kleinen muslimischen Stadt zwischen den Bergen. Die Familie, bei der ich dort war, gehört zu der Gemeinde in Tirana. Da die ältere Tochter hat in Italien studiert und war gerade zu Besuch da. Deshalb wurde auf dem Dorf bei der Grossmutter ein Schaf geschlachtet – und wir durften beim enthäuten, ausnehmen und zerteilen helfen. Also an Fasten nicht zu denken, im Gegenteil; ein verfrühtes Osterlamm, sozusagen.
Ausserdem ist gerade Wahlkampf in Albanien und der Kandidat der sozialistischen Partei kam am Karfreitag nach Burrel, womit die Hälfte der Stadt auf dem Hauptplatz versammelt war – die andere Hälfte, die Anhänger der demokratischen Partei, saß im Cafe und guckte sich das Ganze aus der Ferne an. Bin schon ein wenig gespannt, wie das wohl nächsten Sonntag ausgeht…
Am Ostermorgen ging es dann mit einem Kleinbus, vielen Kindern und albanischer traditioneller Musik mit Popmusik abwechselnd zurück in die Hauptstadt, wo eine Osterfeier, die vor allem durch Programm der Kinder aus den verschiedenen Orten gestaltet wurde, stattfand. Von dort aus fuhr ich mit der Gruppe aus Pogradec an den Ohridsee, welcher der tiefste Europas ist und der zwischen Albanien und Makedonien liegt. Drei Tage war ich in Pogradec und hatte Zeit meine Erkältung auszukurieren und die schöne Landschaft zu geniessen.
Am Donnerstag bin ich dann am Ufer entlang und ueber die Grenze gelaufen und somit wieder in einem slawisch-sprachigen Land angekommen. War schon ein wenig seltsam sich wieder daran zu gewöhnen und zu bemühen etwas zu verstehen. Die Stadt Ohrid ist sozusagen das Gegenteil von dem gegenüberliegenden Pogradc: Es gibt wieder viele kleine Haeuser, Gassen und alte Kirchen. Und wieder, auch schon um diese Jahreszeit, Touristen.
Das ganze Land wirkt um einiges europäischer; ich fühle mich nicht mehr ständig beäugt und werde schon auf den ersten Blick als Mädchen erkannt ;).
Von Ohrid bin ich auch wieder ein Stück getrampt, habe dabei nette Leute getroffen und eine Nacht im Kloster verbracht.
Ich grüsse Dich, lieben Bruder, ganz herzlich und hoffe, Du hattest ein schönes Quasimodogeniti.

Leo

Ostern in Tirana

Lieber Bruder,
ich habe endlich das südlichste Land meiner Reise, und somit mein Ziel fuer die Ostertage erreicht – Albanien.
Die Woche in Montenegro war sehr bereichernd: Von Kotor, der schönsten Stadt am adriatischen Meer (wie die Kotorer sagen; kann schon sein, dass sie recht haben…), bin ich noch über einige Küstenstädte nach Cetinje ins Gebirge gefahren. Dort hat es das erste Mal so richtig geregnet und sogar gehagelt; ich fand Unterschlupf in dem orthodoxen Männerkloster, das Sitz des montenegrischen Metropoliten ist, wo sich ein sehr interessantes Gespräch (auf Russisch) mit drei Mönchen entsponn. Es ergab sich, dass zwei von Ihnen am Nachmittag auf eine Insel im Skadar-See (südöstliches Ende von Montenegro) fuhren, zu einem Frauenkloster und so nahmen sie mich dorthin mit. Vier Tage habe ich in der wunderschönen Natur, mit acht netten Schwestern verbracht; natürlich auch mit gebetet und gefastet – eine interessante Erfahrung, die viele Gedanken und Gespräche in Gang gebracht hat… Vor allem war es angenehm nach fast einem Monat so gut wie ununterbrochener Fortbewegung einige Tage an einem Ort zu verbringen.
Und nun das volle Kontrastprogramm zu der kleinen einsamen Insel: Tirana.
Eine volle und laute Stadt, in der das Verkehrsverhalten noch schlimmer als in Moskau, Bukarest oder Jerusalem ist – ohne Ampeln würde es auf der Strasse genau so zugehen und die ganze Stadt ist von einem Hupkonzert erfüllt. Ich bin hier in der “Lutheran and Moravian Church”, womit ich die dritte grosse christliche Konfession in Suedosteuropa kennenlernen werde (nach Medugorje und der Insel Beska :). Ostersonntag wird hier in Tirana ein grosser Gottesdienst sein und dann werde ich noch fuer eine knappe Woche an den Ohrid-See nach Pogradec fahren.
Ich wünsche Euch allen schöne Ostertage.
Leo