Vaters Launen


Hallo Leo,

das kann ich verstehen und Louise wird es gar nicht bemerken. Nur Vater war sauer, als ich ihm davon erzählt habe. Schön, dass ich ihm solch schlechte Nachrichten überbringen darf.

Wie verläuft eigentlich sonst Weihnachten bei Euch? Die Afghanen haben doch dieses Fest nicht, für sie ist doch einfach normaler Tag, oder?

Das Päckchen habe ich gleich geholt und Louise auspacken lassen. Gut, dass Du Vaters Geschenk noch einmal separat verpackt hattest, ich werde es ihm morgen bringen.

Ich danke Dir für das Instrument für Louise, aber was genau ist das? Ich denke mal, es wird ein afghanisches Instrument sein…

Für die Süßigkeiten kann ich Dir nicht so recht danken, ich bin kein Fan von Trockenfrüchten und irgendwie hatte ich gehofft, Du würdest etwas Opium schicken.

Ich danke Dir für die Geschenke und grüße Dich,

sei ganz lieb umarmt,

J

Weihnachten im Camp

Neuköllnisch Wasser

Neuköllnisch Wasser

Hey Johann,

die ganze blöde Aufregung hier im Camp ging ins Absurde. Aber immerhin wurde so das Weihnachtsfest reichhaltiger. Überall hingen Palmenwedel und kleinen Nadelbaumzweige. Am meisten war natürlich das Gebetshaus geschmückt.

Hab ich Dir das schon erzählt? Dass es in ganz Afghanistan nicht gestattet ist, eine Kirche zu bauen? Darum gibt es hier im Camp nur ein Gebetshaus. Da beten und huldigen alle Konfessionen nebeneinander. Wir sind ja hier im Camp nicht nur Protestanten. Aber Weihnachten feiern wir natürlich zusammen.

Und jetzt was Unglaubliches!

Ich habe in der Poststelle nachgefragt, wo denn das Paket für Euch abgeblieben ist und es wurde mir doch tatsächlich gesagt, es sei schon übergeben worden. Ich dachte ich spinne, doch nachdem er richtig nachgesehen hatte, sagte er mir, es liegt bei Euch in der Nähe in der Poststelle. Also gleich hin und abholen. Zur Freude meinerseits fiel dem Kameraden in der Poststelle auf, als ich gerade gehen wollte, dass Euer Paket angekommen ist. Ich war also einerseits sauer, weil Euer Paket nicht abgeliefert wurde, andererseits hab ich all Eure Geschenke jetzt vor mir.

Aber: Oha, vielen, vielen Dank für die Geschenke. Das Heimweh zwickt mich jetzt mit Humor. Jaja, unser Neukölln. Erst sah die Flasche ja wie ein Parfum aus, was mich abgeschreckt hat, doch dann sah ich die Prozente. Einen Kuss vorweg! Das geht weiter an meinen Vorgesetzten, der hört sich gern Geschichten aus Neukölln an und ein Wässerchen von da, freut ihn sicher. Ich hab ihm schon versprechen müssen, dass wir im Rollberg zusammen das dort gebraute Bier trinken werden. Der scheint sich für mich zu erwärmen. Aber ich will Dir davon nicht erzählen!

Danke auch für die neue Flöte, die wird es mir hier nochmal heimischer machen. Das war doch bestimmt Vaters Idee.

Am besten sind aber die Fotos von Euch. Die haben mich gleich zum Heulen gebracht. Ich vermisse Euch so unglaublich, gerade jetzt zu Weihnachten gibt es nichts Schlimmeres! Ich habe ebenfalls gemerkt, dass es mir nach dem Telefonat, wie allen anderen auch, schlecht geht. Ich will erst zu Silvester wieder mit Euch sprechen!

Habt Ihr da schon Pläne?

Hier wird es sicher keine große Sause geben, sondern möglichst klein und unauffällig. Sonst kommen die Kameraden auf die Idee zu viel zu trinken und das würde die Sicherheit gefährden.

Alles andere haben wir ja ausgiebig am Telefon besprochen. Und wie gesagt, ich werde erst in einer Woche wieder mit Euch sprechen, auch wenn die Feiertage knapp sind.

Alles Liebe zu Weihnachten,

Gruß

Leo