Unter Soldatinnen

Unter Soldatinnen

Unter Soldatinnen

So Johann,

Du willst also über Dein Neukölln schimpfen. Ich weiss, wie es bei Dir aussieht, aber ich dachte nicht, dass es Dich so aufregen würde. Vielleicht ist es, weil Du jetzt die Welt für Louise siehst, obwohl Du das schon seit beinahe vier Jahren musst. Gehst Du denn jetzt in der Adventszeit mit Louise noch in die Kirche?

Ach Wilhelm, vorhin ist mir aufgefallen, was ich Dir alles von den letzten sechs Wochen erzählen könnte, es ist unglaublich viel passiert. Aber immer wenn ich davon anfangen möchte zu schreiben, ist es so übermäßig viel. Und jetzt passiert jeden Tag etwas Aufregendes oder Merkwürdiges.

Heute hat sich eine Kameradin selber gemobbt. Sie trägt seit einiger Zeit ganz offensiv pinken Nagellack, um nicht mehr wie ein Kerl behandelt zu werden. Sie steckt die Haare nicht zusammen und schminkt sich offensiv. Ich glaube sie bekommt einen Lagerkoller. Ich kann ihr da auch nicht helfen, sie sieht mich, glaube ich, sogar als eine Ursache in ihrer Nähe. Eine Frau, die wie ich, sich nicht um das weibliche Äußere schert, ist nach ihr eben keine Frau, sondern ein Mannsweib. Ich und ein Mannsweib…

Aber was soll ich sagen. Die Arme tut mir etwas leid. Sie will sich als Frau verstanden wissen. Wir machen hier einen Job, den Männer für sich beanspruchen. Ich bin hier nicht als Frau, sondern als Soldatin. Und eine Soldatin sollte möglichst wenig von ihren Kameraden verschieden sein. Die Kameradin putzt sich aber raus. Sie gefährdet nicht nur sich, sondern auch ihre Kameraden, die mit ihr raus gehen. Wenn sie dann darauf angesprochen wird, wird sie zickig. Sie ist gerade so richtig weibisch.

Du fragst Dich sicherlich, warum ich Dir nicht erzähle, was ich hier genau mache. Ich darf nicht. Tägliche Abläufe oder sogar Einsätze sind ein Tabu.

Ich vermisse euch wahnsinnig und Berlin erst recht.

Küsse für Louise.

Leo