Sibiu/Hermannstadt in Siebenbürgen – Rumänien

Lieber Johann,
schöne Grüße aus Siebenbürgen!
Ja, ich bin nach einigen weiteren spannenden Stationen an diesem Ort, und somit dem ersten Endziel meiner Reise angekommen. Und ich muss sagen, das es mich überhaupt nicht stört, wenn ich wegen meines Haarschnittes als Junge beim trampen durchgehe. Danke übrigens für Deine Neuigkeiten zum Eleonore-Prochaska-Platz.
In den vergangenen anderthalb Wochen habe ich mich ganz in den Nordwesten Serbiens, nach Novi Sad (das sozusagen die Kulturhauptstadt des Landes ist und wo ich durch sehr nette junge Leute auch Einblick in das dortige kulturelle Leben – Theater, Kunst und Sprachen – erhielt), begeben und bin dann östlich über die kleinen ungarisch, serbisch und deutsch geprägten Städte Zrenjanin (in der Vojvodina) und Vrsac (im serbischen Suedbanat) nach Rumänien gelangt. Da ich nicht die übliche (gut befahrbare) Strecke nehmen wollte, machte ich mich über Resita, Caransebes und Petrosani nach Hermannstadt auf. Ein Abstecher nach Broos/Orastie zu Freunden, die dort einen Teil des übriggebliebenen siebenbürgischen Sachsentums darstellen, war auch enthalten, sowie das Erleben der internationalen Museumsnacht in dieser Kleinstadt – recht amüsant gewesen, aber immerhin!
Dann ging es noch einmal etwas ins Ungewisse, nämlich durch die Muntii Lotrului, also über das Gebirge, nach Hermannstadt. Und nun bin ich schon den dritten Tag hier, habe einen so typischen und mir wohl bekannten Frühlingsregen, eine Buchvorstellung zur (un-?) möglichen Zukunft der Sachsen in Siebenbürgen, sowie eine Openair-Stunde einer Chemielehrerin erlebt – um die markantesten Punkte zu benennen.
Ich werde noch eine Wochen im Land sein…. Zum 17 Juni möchte ich wieder in Berlin sein. Dann findet ja wieder das Kulturfestival 48StundenNeukölln statt.
Wie sieht es aus Johann, wird das experimentelle Video bis dahin fertig, bei dem Du mitgearbeitet hast?
Liebe Grüße aus dem warmen Sibiu auch an Louise (ich hoffe ihre Kinderreise verlief gut) und Vater.

Leo

48 Stunden im Einsatz

von Eleonore Prochaska

Nach meiner Militärzeit in Afghanistan im Camp Marmal ziehe ich nun nach Neukölln. Ich hänge meine Uniform an den Nagel, bin 28 Jahre alt und will nun studieren – was, weiß ich noch nicht. Erst einmal ankommen. Ich ziehe am 48 Stunden Neukölln Wochenende in die Kirchgasse 60. Endlich eine eigene Wohnung, sie ist bezahlbar, schön geschnitten, allerdings ist sie etwas dunkel – was soll’s.

Ein paar Leute hier im Kiez habe ich über meinen jüngeren Bruder, der hier wohnt kennen gelernt. Mein Bruder ist Musiker. Er sagte mir 48 Stunden Neukölln mache süchtig. Jedes Jahr würde er mitmachen. Jedes Jahr, sagte er mir, verausgaben sich immer mehr sogenannte „Kulturschaffende“ die meisten leben in verletzlichen Existenzen. Man hält sich an Beuys Kunstbegriff „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Es wird jede Menge ohne Auftrag produziert, es werden Ideen umgesetzt, Projekte durchgeführt – art-power achtundvierzig stundenlanger Höhepunkt. Danach die Ernüchterung. – „Nein, nächstes Jahr, das schwöre er sich, würde man auf keinen Fall wieder mit machen, so eine Anstrengung, …verschenkt.

Dann im Februar, wenn die  sogenannte „Große Runde“ die nächsten 48 Sunden Neukölln verkünden würde, würde man unruhig werden. Ideen und Projekte würden durch den Kopf geistern und – na klar mache man wieder mit!

Neulich habe ich mich als Autorin („unter 35 Jahren“) bei der Lesung „berlin lebenII“ im Schillerpalais neben neun anderen Autoren ausprobiert. Ich las Briefe, die ich während meines Militäreinsatzes an meinen Bruder geschrieben habe.

Danach war ich im Syndikat in der Weisestraße, einer Kneipe, die aus drei schwarzen Räumen, jeder Menge schwarz gekleideter voll tätowierten Menschen, mit mindesten 3 Piercings bestand, alle Tische waren besetzt. Einzig weiß war die elektrische Terrine aus den 80ern, in der die leckersten weiße Spargelcremsuppe die ich je gegessen habe gewärmt wurde. Die Suppe brachte man mir an den Tisch. „Das machen die sonst nie“, sagte einer der zwei Männer, an dessen Tisch ich saß. Ihre Gesichter waren grobe Gebirge, mit Gefällen, Narben, Unsymmetrien. Gesprochen wurde weiter nicht. Aber nun zum Schreiben. Vielleicht sollte ich es auch einfach sein lassen. 48 Stunden Neukölln wird es zeigen.