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Eleonore ist da! – Bitte bei Prochaska klingeln.
Wandlung einer historischen Figur in die Aktualität der Gegenwart

von Peter Funken

Mit „Eleonore ist da – Bitte bei Prochaska klingeln!“ setzt die Künstlerin Beate Klompmaker einer außergewöhnlichen Frau eine Art modernes Denkmal. Doch Vorsicht, bei Beate Klompmakers Ehrung der Eleonore Prochaska handelt es sich nicht um ein idealistisches Memorial, sondern um eine kritisch zugewandte Hommage, die die Künstlerin mit den Worten umschreibt: „Mich interessierten besonders die Rollenbilder und Brüche in der Person Prochaskas“.

Lebensweg und historische Wahrnehmung

Geboren wurde Eleonore Prochaska vor 225 Jahren, am 11.März 1785 in Potsdam. Ihre Vorfahren stammten aus Böhmisch-Rixdorf im heutigen Neukölln. Eleonore war eine ungewöhnliche, eine mutige, sogar abenteuerliche Frau: Unter dem Decknamen August Renz kämpfte sie als Mann verkleidet in den Befreiungskriegen im Freicorps Lützow gegen Napoleon. In Dannenberg erlag sie 1813 mit nur 28 Jahren den im Gefecht zugezogenen Schussverletzungen. Ihre letzten überlieferten Worte waren: „Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen“.

Ihr ungewöhnliches Leben und Schicksal machte Prochaska schon bald zu einer Heldenfigur, man verehrte sie als „Potsdamer Jeanne d´Arc“. Nach ihrem Tod entstanden verschiedene idealisierende Dramen und Gedichte für die „jungfräuliche Heldin“, ein Gedicht stammt aus der Feder Friedrich Rückerts. Ludwig van Beethoven verfasste vier Stücke als Schauspielmusik für ein Drama Friedrich Dunckers.

Ein historisches Denkmal für Eleonore Prochaska befindet sich auf dem Alten Friedhof in Potsdam. Es entstand erst 1889, lange nach dem Tod Eleonores. Deutlich entspricht es einer preußisch-militärischen Heldenverehrung; ein kampfbereiter schwarzer Adler krönt dabei eine Trauersäule. Die Widmung lautete „Der Heldenjungfrau zum Gedächtnis“.

Rollentausch und Heldenmythos

Im Zusammenhang der Person Eleonore Prochaskas, und noch mehr in der Rezeption ihres Lebens und ihres Schicksals, gibt es weitere bedenkenswerte Momente; dass Eleonore Prochaska letztlich nur aufgrund ihres Todes zu so großer Popularität gelangte.

Wie man heute weiß, hat es in den Befreiungskriegen, wie auch in anderen kriegerischen Auseinandersetzungen im 19. Jahrhundert, auf allen Seiten immer wieder Frauen gegeben, die als Soldat verkleidet in die Schlacht zogen. So ist der Fall der Anna Lühring (1796 -1866) überliefert, die sich 1814 wie Eleonore Prochaska den Lützowern anschloss und die Befreiungskriege als Jäger Eduard Kruse überlebte. Im Unterschied zu Eleonores verblasste Anna Lührings Ruhm jedoch schon bald, denn für die Kriegsideologen Preußens waren nur tote Helden echte Helden.

Zum Heldenmythos, der aus dem Mädchen Eleonore die „Heldenjungfrau“ macht, gehört als Voraussetzung neben dem Tod ihre Jugendlichkeit. Prochaskas Mythos begründet sich erst dadurch, dass sie sich als Frau zum Mann machte, eine Travestie vorspielte, um so gegen männliche Widerstände fürs Vaterland zu kämpfen zu können, um dann in der Schlacht ihr Leben zu opfern. Hingegen war eine überlebende, alt gewordene Anna Lühring, die nach dem Waffengang heimkehrt, Kinder in die Welt setzt, diese aufzieht und Suppe kochend von ihren Abenteuern unter Männern beim Militär erzählt, für die preußische Militärideologie in Hinblick auf den Heldinnenstatus nicht akzeptabel und vorzeigbar, hätte sie doch mit ihrer Weiblichkeit die harten Soldaten in das Licht eines allzu femininen Komplotts gerückt, das mit einer Anfangslüge beginnt und damit endet, dass Frauen genauso gut wie Männer kämpfen können.

Der weibliche Opfermut galt zur Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon als bekannte Überlieferung aus anderen europäischen Kriegen und Aufständen. Eleonore bezieht sich auf diese, wenn sie ihrem Bruder 1813 in einem Brief mitteilt, dass sie „im inneren der Seele überzeugt“ sei, „keine schlechte oder leichtsinnige Tat zu begehen; denn sieh nur“, so schreibt Prochaska, „Spanien und Tirol, wie da die Mädchen und Weiber handelten!“

Im Rollentausch von einer zu Beginn des 19. Jahrhunderts per se schwachen Frauenposition zu jener eines maskulinen Kriegers scheint Eleonore Prochaska tatsächlich vollständig aufgegangen zu sein, denn sie unterschreibt die beiden Briefe an den Bruder zusätzlich zur eigenen Signatur stolz mit „genannt August Renz, freiwilliger Jäger bei dem Lützowschen Freikorps“. Hierin liegt die wirkliche Tragödie Eleonores, deren Ursache in der Verschmelzung idealistischen Denkens und Handelns mit dem preußischen Militärsystem liegt, das für Frauen an sich nicht viel übrig hatte, es sei denn, sie ließen sich für den eigenen Helden- und Opfermythos ausschlachten. Wie fatal die Wirkung solcher Mythen bis in die jüngere Gegenwart wirkten, mag man daran erkennen, dass der den Nazis zugewandte Autor Georg van der Vring 1934 einen Roman mit dem Titel „Schwarzer Jäger Johanna“ veröffentlichte, der noch im gleichen Jahr in Starbesetzung (u. a. Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe) verfilmt wurde. Die Hauptfigur Johanna –  schon wieder eine Jeanne d`Arc – schließt sich wie Eleonore Prochaska der „Schwarzen Schar“, einem Freicorps, an um im Befreiungskrieg gegen Frankreich zu kämpfen. Als Propagandafilm im NS-Staat sollten mit diesem Streifen preußische Militärtugenden wie Opferbereitschaft und Heldenmut als aktuelle Tugenden vorgestellt werden. Mit der für die Nazis untypischen „kämpfenden Frau“ erfanden der Romanautor wie der Film eine Identifikationsfigur aus dem Volk für das Volk; die Heldin Johanna gehorcht dem Muster einer Schwachen, die in der Not stark wird.

Gemeinhin wird das Freicorps Lützow in den Befreiungskriegen als intellektuelle Avantgarde gesehen, das mehr noch als gegen Napoleon für ein vereintes republikanisches Deutschland, eine bürgerliche Verfassung und ihre Freiheiten kämpfte. Erst ihre historische Einordnung und Rezeption im Militärstaat Preußen wie im NS-Staat machten aus den Lützowschen Freikorps Nationalisten und Chauvinisten, mit denen man gegen die Demokratie argumentieren konnte.

Prochaska wird Neuköllnerin

Ihr mediales Kunstprojekt betitelt die Künstlerin mit „Eleonore ist da -Bitte bei Prochaska klingeln!“. Es besitzt verschiedene Ebenen. Eine besteht im Transfer der historischen Figur Prochaskas in die heutige Zeit, und so bekommt Eleonore im Zeitraum des Kunstprojekts ein Domizil – eine Wohnung im alten Kern Neuköllns, im Böhmischen Dorf, in der Kirchgasse 60 samt Namensschild und Türklingel. Bedient man den Klingelknopf, so vernimmt man via Sprechanlage zwei vorgelesene Briefe Eleonores an ihren Bruder sowie die ihr von Beethoven gewidmete Musik.

Eleonore Prochaska hat auch ein real lebendes Double – Rita Braisch. Auf die mittlerweile 22jährige Studentin stieß Beate Klompmaker vor vier Jahren, als sie begann, sich für Eleonore Prochaska zu interessieren. Als fiktive Eleonore tritt Rita Braisch u.a. als Autorin mit originalen Texten bei der Literaturveranstaltung “berlin leben II” im Schillerpalais auf.

Bei ihren Recherchen stieß Beate Klompmaker auf Eleonores wohl einzig überliefertes Porträt – eine Bleistiftzeichnung, ein Brustbild, das die junge Frau in Uniform abbildet. Vermutlich ist die Zeichnung erst nach Eleonores Tod entstanden, als Erinnerungs- und Heldenbild. Von der Prochaska verblüffend ähnelnden Rita Braisch hat Klompmaker für ihr Projekt Portraitfotografien angefertigt, die sie in den Rollenbildern Eleonores zeigen – als Kind, als Frau und Soldatin. Diese modernen Abbilder werden wie Plakatwerbung im Stadtraum von Berlin, vor allem in Neukölln, in der Partnerstadt des Bezirks, im tschechischen Ústi nad Orlicí, sowie in Köln ausgestellt.

Das Portrait Eleonore Prochaskas geht auf Reisen und erscheint dabei in unerwartet neuen Kontexten:

Eleonore in dem Rollenbild der Frau ziert in der Tradition der Historien- und Reiterbilder beispielsweise Hintergründe von Arbeitszimmern einiger Bürgermeister und Juristen.

Dies wird in der Bildergalerie der Webseite www.EleonoreProchaska.de dokumentiert, auf der neben einem eigens eingerichteten Blog auch die Neubearbeitung des Trauermarsches Beethovens für Eleonore durch den Musiker Chang-Yun Yoo zu hören ist.

Als Begleitprogramm findet eine Lesung der Autorin und Schauspielerin Katharina Rothärmel in der Galerie Olga Benario in Berlin statt und es gibt eigens eine Theaterproduktion zu Eleonore Prochaska von K&K VolkArt unter der Regie von Artur Albrecht.

Eleonore Prochaska ist also wirklich wieder da. Mit Beate Klompmakers Kunstprojekt ist sie in der Öffentlichkeit von Stadtraum und Kultur angekommen, als Medienperson und reale Kunstfigur, die sich zeigt, die ihre Spuren hinterlässt und Wirkung ausübt. Natürlich ist es ein imaginäres Bild der Eleonore, das hier entstanden ist – man könnte auch sagen, eine imaginäre Reproduktion, die mit Klompmakers Projekt Realität wird. Die von ihr geschaffene Kunstfigur besitzt Eigenschaften, die mit denen des tatsächlichen Menschen gewisse Ähnlichkeit aufweist – insofern kann man ebenfalls von einer Annäherung an die Person sprechen.

Was mit diesem Projekt ermöglicht wird und geschieht, hat die Neuköllner Kulturamtsleiterin Dr. Dorothea Kolland benannt, als sie formulierte: “Mit dem Projekt „Eleonore ist da – Bitte bei Prochaksa klingeln!“ werden die Geschichten transportierenden Öffentlichkeiten des Bezirks sichtbar und zum Sprechen gebracht.“

Mit „Eleonore ist da -Bitte bei Prochaska klingeln!“ zivilisiert Beate Klompmaker die Person der Eleonore und entwickelt Facetten ihrer Persönlichkeit jenseits und außerhalb einer Vereinahmung durch Militärs. Darin liegt die Stärke dieses Projekts, das eine von Militärs vereinnahmte Person aus dem nationalistischen Kontext herauslöst und wieder in einen demokratischen Zusammenhang stellt. Einer nationalen Wendung widerspricht allein schon die Tatsache, dass Eleonores Double Rita Braisch rumänisch- deutscher Herkunft ist. Somit hat Beate Klompmaker die historische Person Eleonore Prochaska neu erfunden, und sie zeigt dabei auch, dass Geschichte immer wieder einer kritischen Besichtigung und Rezeption bedarf, damit Gegenwart und Zukunft nicht von Vorurteilen und menschenverachtenden Ideologien verhangen wird.

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