Historie

Marie Christiane Eleonore Prochaska
(11.03.1785 – 05. 10.1813 )

Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde vor mehr als 225 Jahren, an einem Freitag, den 11. März 1785 geboren. Herr Schreiter von der Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam fand 2010 nach Tagelanger Suche einen Taufurkundeneintrag in Potsdam. Eleonore ist in Potsdam geboren. Die meisten Angaben gingen vorher von einer Geburt in Potsdam aus. Doch einige Angaben beriefen sich auf eine Geburt in Neukölln-Rixdorf. Der Nachname Prochaska stammt aus Tschechien und heißt übersetzt Spaziergang.

Vater war Unteroffizier und Militärmusiker ohne großes Einkommen in einem preußischen Garde-Grenadierregiment.  So wuchs Eleonore Prochaska unter ärmlichen Umständen auf. Die Mutter war vermutlich Alkoholikerin und vernachlässigte die Kinder, der Vater schickte Eleonore mit ihren drei Geschwistern in das Große Militärwaisenhaus zu Potsdam.

Als Mann verkleidet kämpfte die hübsche, großgewachsene, aber zierliche Frau zunächst als Trommler, später als Infanterist im preußischen Heer gegen Napoleon in den Befreiungskriegen.

1813 trug sie sich unter dem Namen August Renz in die Stammrolle des 1. Jägerbataillons des Lützowschen Freikorps ein. Leutnant Otto Preusse schrieb: „Wir standen in Sandau an der Elbe. Hier kam auch ein Jäger Renz zur Kompanie – wie sich später zeigte, ein Mädchen Namens Prochaska. Er wurde Flügelmann, 3 Fuß, 8 Zoll, 3 Strich hoch – Es wurden uns englische Schuhe geliefert, alle bedeutend zu groß für Renz und ich musste besonders für ihn ein Paar arbeiten lassen. Seine Sprache war nicht besonders fein, so dass niemand in ihm ein Mädchen vermuten konnte. Übrigens kochte er vortrefflich in den Biwaks.“

In der Schlacht an der Göhrde wurde Eleonore Prochaska durch einen Kartätschenschuss schwer verwundet. Ein herbeigeeilter Feldscher, der ihre Wunden versorgte, entdeckte ihre wahres Geschlecht und ließ sie in ein Bürgerhaus nach Dannenberg bringen, wo sie drei Wochen später ihren Verletzungen erlag.

Eleonore,
Du bist geboren an einem Sonntag im März 1785.
Eleonore, du hübsche,
wer warst Du?
Welche Rollen spieltest Du?
Die der Heldin, vom Zeitgeist mitgerissen.
Die des vernachlässigten Mädchens.
Die der starken Jungfrau.
Die der Tochter eines preußischen Unteroffiziers und Musiklehrers.
Warst Du ein Mann?
Eleonore,
wer warst Du?
Du schwarze Gesellin,
in der schwarzen Schar der Krieger
färbtest deine Kleidung wie alle anderen; schwarz.
Unter schwarz-weißer Flagge kämpfend.
Erst später kam neben schwarz – noch rot – und gold.
Eleonore
Wohin gingst du?
Zu kämpfen im Freikorps mit 4000 Freiwilligen.
Vor allem mit Ausländern, den Bürgern deutscher Staaten.
Mit Tagelöhnern, Knechten, Arbeitern Akademikern und Handwerkern.
Du warst Flügelmann, 3 Fuß, 8 Zoll, 3 Strich hoch.
In Bremen, Sachsen, Dannenberg.25
Eleonore
Wen hast Du gekannt?
Turnvater Jahn, der auch im Freikorps war?
Theodor Körner oder den Dichter Joseph von Eichendorff?
Oder sogar den Kindergartenerfinder Friedrich Fröbel?
Eleonore,
dich und die Lützower haben alle benutzt.
Ob Friedrich Engels, Kaiser Wilhelm II, Adolf Hitler oder Erich Honecker.
Die Guten ins Töpfchen,
die Schlechten…
So heute noch;
Hubschrauberstaffeln, Schlachtenkreuzer, Kasernen
oder Schützenregimente.
Eleonore
Was machst Du?
Du spielst Deine Rollen.
Schneiderst, kochst, wäscht, singst,
schießt wie kein anderer,
empfangen hast Du keinen Lohn,
Deine derbe Sprache – „Du kriegst die Motten!“-
und stirbst.
Eleonore
Du starbst mit 28 Jahren,
verwundet durch einen Schuss,
den Oberschenkel zerschmettert.
Unsägliche Schmerzen, heldenhaft und mutig?
Deine letzten Worte:
„Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen.“
„Eleonore, wer bist Du“, Beate Klompmaker, Berlin 2005, Vertonung
Sprecherin: Maja Joel-Dürr, Schnitt: Frank Bolks, Aufnahme: OSZ- Berlin
Klompmaker (ed.), seit 2010 bei YouTube und unter http://www.EleonoreProchaska.de

 

weitere Nachforschunge:

Auszug aus dem Buch “Eleonore Prochaska /Eine Art Denkmal von Beate Klompmaker, Trafo Verlag 2011:

Marie Christiane Eleonore Prochaska wurde vor mehr als 225 Jahren, an einem Freitag, den 11. März 1785 geboren. Wo – ist nicht genau geklärt. Die meisten Angaben gehen von einer Geburt in Potsdam aus. Der Nachname Prochaska stammt aus Tschechien und heißt übersetzt Spaziergang. In Böhmisch-Rixdorf haben sich im 18. Jahrhundert Glaubensflüchtlinge aus Böhmen angesiedelt, bekamen Arbeit und konnten ihren evangelischen Glauben ausüben. Naheliegend, dass man Eleonores Geburtsort auch in Böhmisch-Rixdorf in Berlin-Neukölln vermuten könnte. Eleonore stammte aus einer Militärfamilie. Ihr Vater war Unteroffizier ohne großes Einkommen in einem preußischen Garde-Grenadierregiment.

Eleonore Prochaska wuchs unter ärmlichen Umständen auf. Die Mutter vernachlässigte die Kinder. Eleonore hatte fünf Geschwister, eines verstarb
jedoch nach der Geburt. Als Eleonore 11 Jahre alt war, ließen sich die Eltern scheiden, und im Jahr darauf heiratete die Mutter den Unteroffizier Carl Ephraim Sagert von der Garde du Corps.
Als der Vater  wieder in einen Militäreinsatz musste, gab er 1794-1797  Eleonore und ihre drei Geschwister in das „Große Militärwaisenhaus zu Potsdam“.
Das „Große Militärwaisenhaus zu Potsdam“ ist ein barockes Bauensemble aus dem Jahr 1771. Es wurde ursprünglich 1724 vom preußischen König Friedrich Wilhelm I., wohl infolge der Verluste des Spanischen Erbfolgekrieges, als Versorgungs- und Erziehungsanstalt für Soldatenkinder, deren Väter in der preußischen Armee dienten oder gedient hatten, gegründet. Kinder zwischen 6 und 16 Jahren sollten im Christentum, Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden und anschließend einen Beruf erlernen. Das Große Militärwaisenhaus war anfangs nur für Jungen gedacht, es nahm ab 1725 auch Mädchen auf, insgesamt 600 Kinder. Eleonore und ihre Geschwister wurden im Militärwaisenhaus erzogen. Zu jener Zeit erhielten Kinder im Waisenhaus keine militärische Ausbildung. Es herrschte jedoch allgemeine Strenge, die
Kinder wurden an Tuchmanufakturen und Gewehrfabriken vermietet, wo sie bis zu 10 Stunden täglich arbeiteten. Das Waisenhaus selbst war Eigentümer der größten staatlichen Tuch- und Zeugmanufaktur, des Berliner Lagerhauses, und eines Bergwerkes in Bad Freienwalde.
Das Waisenhaus ist heutzutage eine Stiftung und fördert Jugendprojekte. Nach ihrer Zeit im Militärwaisenhaus arbeitete Eleonore als Hausangestellte bei Stadtbaurat Manger. Sie hatte Interesse an Musik und Schauspiel. Eleonore war wie ihr Vater, der auch Militärmusiker gewesen war, sehr musikalisch.  Sie spielte u.a. Flöte, das war für Frauen zu dieser Zeit noch ein Tabu – Frauen taten so etwas nicht.

Nicht Wilhelm – Johann war‘s
René Schreiter, leitender Historiker der Stiftung „Großes Militärwaisenhaus zu Potsdam“, sichtete im Jahr 2010 Zöglingslisten. Aus ihnen konnte man
entnehmen, dass der Bruder von Eleonore Johann Christian Heinrich hieß, und nicht, wie in vielen Veröffentlichungen angegeben Wilhelm. Auch war er ein älterer und nicht wie verschiedene Quellen beschreiben ein jüngerer Bruder. Die beiden jüngeren Schwestern hießen Caroline Friederique und Louise Amalie. Louise Amalie verstirbt im Waisenhaus im Alter von sieben Jahren. Im Artikel „Eleonore Prochaska, das Heldenmädchen von Potsdam“wird behauptet, dass Eleonore Prochaska katholisch sei. Die Zöglingslisten widerlegen dies. Auf Wunsch des Vaters wurden der ältere Bruder Johann und Eleonore am gleichen Tag, am 01. Oktober 1797, evangelisch konfirmiert.
Dies könnte Hinweis dafür sein, dass die Familie Prochaska evangelische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen gewesen sein könnten. Im Archiv der Brüdergemeine Berlin findet sich ein Sterbeeintrag zu Johan Heinrich Prochaska, 1782 geboren und 77 Jahre, 7 Monate und 29 Tage alt geworden – so die Zeitrechnung. Er verstarb am 16. Dezember 1860 in Böhmisch-Rixdorf und liegt auf dem Böhmischen Gottesacker begraben. Seine damalige Anschrift lautete Berliner Str. 150, in der heutigen Richardstraße 21, im Böhmischen Dorf in Berlin-Neukölln. In der Herrnhuter Brüdergemeine ist es üblich, dass Mitglieder schon zu Lebzeiten einen Lebenslauf schreiben, der bei der Beerdigung verlesen und danach archiviert wird. Das Unitätsarchiv der Evangelischen Brüder-Unität in Herrnhut bestätigte, dass es zu dieser Zeit eine Familie Prochaska in Rixdorf gegeben hatte – ob sie mit der Familie von Eleonore verwandt war, ist nicht festzustellen.

Kleider machen Männer
Die 28 jährige, schöne, großgewachsene, aber doch zierliche  Eleonore band ihre Brüste ab und kämpfte als Mann verkleidet unter dem Namen August
Renz im 1. Jägerbataillon des Lützowschen Freikorps in den Befreiungskriegen im preußischen Heer gegen Napoleon. August Renz war als Trommler  und Infanterist tätig, die Soldaten mochten seine Kochkunst, er konnte auch nähen, seiner hohe Stimme wegen gab er sich als Schneider aus!
In der Schlacht an der Göhrde wurde Eleonore Prochaska durch einen Kartätschenschuss – durch eine Schrotladung, also Metallkugeln, die in Gips, Wachs oder Schwefel eingebettet waren – am Oberschenkel schwer verwundet.  Eleonore wurde von einem Feldscher behandelt. Diese waren oft ehemalige Barbiere, die eine Ausbildung zum Wundarzt machten. Der Feldscher brannte vermutlich Eleonores Wunde mit einem Glüheisen aus und zog die Metallkügelchen heraus. Dieser Feldscher entdeckte das wahre Geschlecht von Eleonore und ließ sie in ein Bürgerhaus nach Dannenberg bringen. Dort erlag sie drei Wochen später ihren Verletzungen. Sie starb an einem Sonntag,
den 05. Oktober 1813. In Dannenberg an der Elbe (Niedersachsen), wurde sie zwei Tage später mit militärischen Ehren beigesetzt. Dem von Kampfgefährten getragenen Sarg folgten das Hannoversche und das Russisch-Deutsche Jägerkorps. Ihr Grab ziert bis heute ein Obelisk.
Im Jahr 1863 wurde an ihrem Grab auf dem St.-Annen-Friedhof in Dannenberg eine Gedenktafel angebracht. Zum 75. Todestag setzte die Stadt Potsdam ihr auf dem Alten Friedhof ein Denkmal „Der Heldenjungfrau zum Gedächtnis“.

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